Der Zusammenbruch der DDR und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1989/90
wird nur möglich durch die Veränderungen in der Sowjetunion seit Mitte
der 80er Jahre.
Gleichzeitig mit der Massenflucht wächst auch die Oppositionsbewegung innerhalb der DDR. Die Bürger trauen sich auf die Straße und machen ihre Forderungen öffentlich - etwa bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig. Die Feiern zum Tag der Gründung der DDR am 7. Oktober 1989 werden zum Fiasko. Neben den offiziellen Feierlichkeiten finden in vielen Städten Demonstrationen gegen das SED-Regime statt. Immer deutlicher zeigt sich, dass die SED nicht mehr Herr der Lage ist. Der Rücktritt Erich Honeckers als Generalsekretär der SED und Staatsvorsitzender am 18. Oktober 1989 leitet den Zusammenbruch des SED-Regimes ein. Dem Nachfolger Egon Krenz gelingt es jedoch nicht, die Lage zu stabilisieren, da der Staats- und Parteiführung der Einfluss auf die Bevölkerung schon weitgehend entglitten ist. Am 8. November 1989 tritt das Politbüro der SED zurück.
Mit der Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989 wird die Wiedervereinigung
beider deutschen Staaten unvermeidlich.
Es gab einen mächtigen Strom von Reisenden. Tausende, Zehntausende, Hunderttausende
machten sich auf in den Westen.
Sie wollten die neue Reisefreiheit ausprobieren - und sie wollten zurück.
Die Menschen machten sich gleich nach der Frühschicht auf oder gingen gar
nicht erst zur Arbeit. Arbeitskollegen, Nachbarn, Familien zwängten sich
in ihre Autos und fuhren los. Das System der Kontrolle brach zusammen, die Sperrzone
war bedeutungslos geworden und wurde bis zum 13.11. genauso aufgehoben wie der
Schießbefehl.
Am Freitag, den 10. November, war Duderstadts Innenstadt schwarz von Menschen. Die Stadtverwaltung, die Grenzbeamten vom Zoll und Bundesgrenzschutz, die Verkehrspolizei und Freiwilligen der Hilfsorganisationen standen vor ungewohnten Organisationsproblemen - viele von ihnen arbeiteten rund um die Uhr und wurden erst nach 16, 20, 24 Stunden abgelöst.
Schon in der Nacht des 10. November konnte die übliche Zahlstelle für das Begrüßungsgeld im Stadthaus den Massenansturm nicht mehr bewältigen. Mit fast 3000 Menschen zogen Stadtdirektor Nolte und seine Helfer in die geräumigere Eichsfeldhalle.
Auf der Wiese vor dem Schützenhaus wurde ein Behelfsparkplatz eingerichtet. Duderstadt - erste Station im Westen nach stundenlangem Warten in der Schlange der anreisenden Autos.
Der Rückstau auf der F 247 erreichte Worbis, Heiligenstadt, fast Mühlhausen. Am Samstag meldete der Verkehrsfunk 40 km Stau aus Richtung Osten, 17 km aus Richtung Westen. Nichts ging mehr auf den Straßen um Duderstadt, eine Dunstwolke von Abgasen lag über der Stadt.
In der Stadt wurde gefeiert. Menschen lagen sich in den Armen, jubelten und konnten nun endlich miteinander reden. Die Geschäfte blieben solange geöffnet, wie sie Waren hatten. Südfrüchte, Bananen, Spielzeug - ein Mitbringsel für die Kinder wurde gekauft, doch im wesentlichen wurde das Westgeld gespart.
Eine Welle spontaner Hilfsbereitschaft erfasste die Westdeutschen entlang der
Grenze. Reisende aus Ostdeutschland wurden beschenkt, verpflegt, versorgt.
Und untergründig war die Angst da - wird es so bleiben. Oder kann die
SED alles wieder zurückdrehen, würde es ein Blutbad unter den Demonstranten
geben?
Die Massendemonstrationen hatten auch im Eichsfeld Vorbildfunktion. Mitte Oktober
hatte sich die Demokratische Initiative Heiligenstadt gebildet, und am 30.10.
demonstrierten 10 000 Menschen nach einem Friedensgebet in St. Gerhard auf dem
Friedensplatz vor dem Rat des Kreises. Am gleichen Tage kam es zu einem Sühne-
und Bittgottesdienst mit 3 000 Menschen in Dingelstädt. Am 2.11. gab es
eine dreistündige Debatte von 8 000 Bürgern aus Leinefelde mit Vertretern
des Partei- und Staatsapparates. Die Montagdemos wurden zu einer festen Instiution.
Am 6. 11. kamen schon 15 000, am 11. Dezember waren es fast 30 000. Die Protestbewegung
verbreitete sich lawinenartig. Auch in Worbis nahm die Revolution ihren Anfang
im Schutz der Kirche. Im Kirchenraum konnten Bürger das Gefühl von
Bedrückung und ihren Protest öffentlich formulieren. Versuche der
SED und des Staatsapparats, durch die Diensttagsgespräche den Protest aufzufangen,
scheiterten. Das Bürgerkomitee von Worbis konnte in den folgenden Wochen
die Stasizentrale ausheben und einen Teil der Akten und auch die dort verwahrten
Waffen sichern. Die Macht des SED-Staates und seiner furchteinflößenden
Organe begann zu zerbröckeln.
Aufgedeckte Fälle von Machtmissbrauch und Korruption riefen auch innerhalb der SED eine Rücktrittswelle hervor - doch die Partei hatte abgewirtschaftet. Auch in die Parteiausschlüsse der alten Verantwortlichen, auch die Umbenennung in PDS konnte die Partei nicht retten - sie wurde aus der Macht gedrängt und erlebte einen Zusammenbruch. Die Menschen fühlen sich belogen und betrogen. Die von der Masse der Reisenden erzwungene, stundenweise Grenzöffnung an den alten Straßenöffnungen, die seit Jahrzehnten stillgelegt waren, weckte Hoffnungen - warum sollte die Grenzöffnung nicht für immer bestehen bleiben können. Konnten nicht auch andere abgeschnittene Wege wiederbelebt werden? Und konnte die Reisefreiheit für die Ostdeutschen nicht auch für die Westdeutschen gelten?
Nun war die Politik gefordert. Noch im November wurde im Eichsfeld der Grenzübergang
Ecklingerode geöffnet. Das katholische Eichsfeld feierte natürlich
mit einer Prozession. Am 18. 11. um 6.00 Uhr begegneten sich Duderstädter
und Ecklingeröder am Grenzzaun. Propst Damm und Pfarrer Streicher führten
die Prozession unter Glockengeläut nach Duderstadt. Am nächsten Tag
war Gegenbesuch. Halb Duderstadt war auf den Beinen zu einem Ausflug nach Ecklingerode.
Zu gleicher Zeit belebten 30 000 Menschen aus dem Osten Deutschlands die Innenstadt
von Duderstadt.
Bereits Ende November 1989 erklärten die Bürgermeister der drei Städte
Duderstadt, Worbis, Heiligenstadt ihre Bereitschaft zu einer engen Zusammenarbeit,
die in zahlreichen Gesprächen vertieft wurde.
Anfang Dezember wurden die Grenzübergänge Bartolfelde, Etzenborn und Vogelsang tagsüber für Fußgänger geöffnet, und am 13. Dezember hieß es in der Zeitung, dass die Eröffnung neuer Grenzübergänge schon fast Routine sei.
Am 17. Dezember kam es zu einer Begegnung der Bürgermeister am Grenzübergang Nesselröden und Böseckendorf - ein Volksfest folgte - es war der Auftakt zu dem großen Begegnungsfest in Heiligenstadt, wo sich 30 000 Eichsfelder versammelten.
Am 7. Januar bildete sich eine Menschenkette durch das Eichsfeld, die sich gegen die SED-Herrschaft und für die Einheit Deutschlands demonstrierte.
Wenig später kam es, am 21. Januar, zu der größten Demonstration in der Geschichte des Eichsfelds, die symbolische Massenflucht - die "Kofferdemo" - von ca. 40 000 Eichsfeldern in den Westen mit einer abschließenden Kundgebung auf dem bisherigen Grenzparkplatz in Gerblingerode.
Im Februar bildeten die bürgerlich-konservativen Parteien die "Allianz für Deutschland".
Am Sonntag, dem 6. Mai, gab es bei der Wahl zur Volkskammer einen unerwartet deutlichen Sieg der Allianz für Deutschland, mit der CDU (34,47%) als führender Partei. Das katholische Eichsfeld wählte fast geschlossen die CDU - Wahlergebnisse mit über 74% der Stimmen in Heiligenstadt und Worbis zeigten einen eindeutigen Wählerwillen - es würde in Kürze einen Beitritt der DDR zum Bundesgebiet geben.
Der politische Wille und die enge Zusammenarbeit der Verwaltungen im Ober- und Untereichsfeld ließen alte Verbindungen neu entstehen. Alle alten Straßenverbindungen waren im Frühjahr und Sommer 1990 wiederhergestellt. Mit dem Inkrafttreten der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion am 1. 7. 1990 war die Grenze faktisch bedeutungslos.
Der Zaun fiel, die Metallplatten wurden verkauft, nur noch die Pfosten erinnern an den Verlauf der unmenschlichen Trennungslinie.
Am 3. Oktober 1990 vereinten sich die fünf neuen Länder mit der BRD. Feierlichkeiten in Duderstadt (am Vorabend) und in Worbis läuteten den Nationalfeiertag ein.
Die lange und schmerzliche Teilung des Eichsfelds durch die unmenschliche Grenze
ist endlich überwunden - heute gilt es, auch die "innere Grenze"
zwischen den Deutschen aus Ost und West zu überwinden. Gerade die Eichsfelder,
die durch ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl geeint sind, haben
hier eine besondere Chance und daher auch eine besondere Verpflichtung.
Erste Anfänge sind gemacht durch die Wiederbelebung und Intensivierung
der menschlichen Kontakte, durch die Städtefreundschaft zwischen Duderstadt,
Heiligenstadt und Worbis, durch zahlreiche Kontakte und Pläne auf politischer,
administrativ, wirtschaftlicher und kultureller Ebene; diese Perspektiven sind
jetzt und in Zukunft mit Leben zu füllen.
Das Eichsfeld soll wieder zusammen wachsen.